17. Oktober 2005

Du bist Deutschland: ".... und Sturm brich los!"

Das Poster zeigt eine resolute Person weiblichen Geschlechts mit einem Wirsingkohl in der Hand. "Du bist DuLudwig Erhard", steht unter dem Gemüse. Wenn das zutrifft, führt es in vier knappen Wörtern alle Überlegungen ad absurdum, die ich je bezüglich meiner Identität angestellt habe.

Und was ist mit dem Baby auf einem anderen Poster der Serie, das mir versichert, ich sei Max Schmeling? Besonders irritierend auch die Waschmaschine, komplett mit Wäschekorb, von der ich erfahre, daß ich Alice Schwarzer bin. Gleichzeitig bin ich Johann Wolfgang von Goethe, Beate Uhse, Franz Beckenbauer, Tim Mälzer und sogar ein Porsche. Und vor allem bin ich eines: ich bin Deutschland.

Du übrigens auch. Und du, und du da drüben ebenfalls - wir alle, alle sind wir Deutschland.

Verheerender Flügelschlag

Donnerwetter! Wer den Fernseher einschaltet, erhält dazu in einem Hochglanzspot Informationen, die das Ganze in bewegten Bildern präzisieren. Im Auftrag eines umfassenden Medienverbundes, produziert unter anderem von der Werbeagentur Jungv.Matt, entledigt sich eine Prominentenriege zwei Minuten lang einer unsäglichen Folge von Platitüden und Hirnlosigkeiten, die - einzeln genommen sowie in ihrer Gesamtwirkung - an Unverfrorenheit kaum zu überbieten sind.

"Deutschland redet sich selbst schlecht. Dagegen wollen wir in diesem bislang einmaligen Schulterschluss einen Impuls setzen und einen Bewusstseinswandel für mehr Selbstvertrauen und Motivation anstoßen. Wir laden alle Menschen, Unternehmen und Organisationen in Deutschland ein, sich dieser Bewegung anzuschließen."

Bernd Kundrun, Vorstandsvorsitzender, Gruner & Jahr

Hier erfahre ich, daß ich nicht nur Deutschland bin, sondern "das Wunder von Deutschland". Auch Maybritt Illner ist ein solches. Die Starmoderatorin hat sich offensichtlich mit der Chaostheorie befaßt (was man auch an der Art erkennt, wie sie ihre donnerstägliche Diskussionsrunde im ZDF leitet). Indem sie mit verschmitzter Koketterie das Kinn auf eine Hand stützt, klärt sie mich darüber auf, daß ein Schmetterling "einen Taifun auslösen" kann.

"Du bist der Baum"

Es verhält sich mit dem destruktiven Insekt nämlich wie folgt: "Der Windstoß, der durch seinen Flügelschlag verdrängt wird, entwurzelt vielleicht ein paar Kilometer weiter Bäume." Vielleicht auch nicht. Ursprünglich stipuliert die 1979 vom US-Meteorologen Edward Lorenz formulierte Lehre vom "Schmetterlingseffekt" nämlich, daß in Texas ein Wirbelsturm toben könnte, falls kurz zuvor in Brasilien ein Falter flattert. Texas ist erkennbar weiter von Brasilien entfernt als einige Kilometer. Doch die bistWerbung neigt nun mal zu - gedanklichen wie offenbar auch geographischen - Verkürzungen, und so oder so: ist es nicht schlichtweg verblüffend, was ein kreatürlicher Reflex auf die Beine zu stellen vermag, wenn er nur will?

Dieses Thema wird im Verlauf des Spots mehrmals aufgegriffen, es handelt sich also gewissermaßen um ein Leitmotiv. Gegen Ende der Präsentation beispielsweise stellt sich heraus: "Du bist die Flügel." Was ergibt sich für mich aus diesem Umstand? Ist es meine nationale Pflicht und Schuldigkeit, Waldbestände zu entwurzeln? "Schlage mit deinen Flügeln und reiß Bäume aus!", werde ich in der Tat beschworen, um allerdings kurz darauf von Anne Will zu erfahren: "Du bist der Baum!"

Justus Buddha

Das ist nur scheinbar verwirrend, denn eigentlich beruht es auf der Erkenntnis des Buddhismus, das alles eins ist. Allerdings wirft es die Frage auf: Was, wenn ich mich schlichtweg weigere, mich selbst zu entwurzeln? Ein Kfz-Mechaniker aus Sachsen zerstreut meine Bedenken mit ölverschmierter Euphorie. "Machnmer uns die Hände schmutzsch!", ruft er mir zu, wobei er tatkräftig einen Autoreifen von hier nach da schleppt.

Derlei kann man natürlich auch eleganter formulieren, denn schließlich sind nicht nur Kfz-Mechaniker Deutschland. Feingeister mit manikürtem Ego sind es auch.

Für sie spricht Justus Frantz. "Bring die beste Leistung, zu der du fähig bist", fordert der Dirigent verklärt grinsend - ausgerechnet dieser, ein Taktschläger mit dem Musikverstand eines selbstverliebten Metronoms, dessen beste Leistung seit Jahren ganze Komponistengenerationen in ihren Gräbern rotieren läßt.

Aus der Kampagne "Du bist Deutschland"

"Du glaubst, daß ein Wunder das Ergebnis harter Arbeit ist? Dann hast du etwas mit Ludwig Erhardt gemeinsam. Sein erklärtes Ziel: Wohlstand für alle. Dafür hat er gekämpft und geschuftet. Auch du kannst dir ein Wunder erarbeiten. Ob du dein Ziel erreichst, entscheidest du. Nicht das Schicksal. Und die Entscheidung, und du auf deinen Erfolg mit Champagner anstoßen oder lieber eine Zigarre rauchen willst, kann auch nur einer treffen: du. Du bist Deutschland."

Man fühlt sich plötzlich der Toilettenfrau nahe, die in klinisch reinem Ambiente darüber spekuliert, ob ich mit dem "Gesicht vor einer Mauer" stehe, und das gleich vielfach, denn wie der torhütende Multimillionär Oliver Kahn weiß: "Du bist zweiundachtzig Millionen". Zweiundachtzig Millionen was? Kohlköpfe? Klofrauen? Kampfschmetterlinge?

Zynismus und Zuckerwatte

Die "Du bist Deutschland"-Kampagne verfolgt das Ziel, die öffentliche Moral zu heben. Zu diesem Zweck wäre es vermutlich sinnvoller, Arbeitsplätze und menschenwürdige Verhältnisse auch für die Armen in diesem Land zu schaffen, die sich von einem Wir-Gefühl nicht ernähren können. Über Sinn und Unsinn einer Propagandaübung soll jeder denken, wie er will. Was dem einen als aufrüttelnder Appell dienen mag, empfindet sein Nachbar möglicherweise als geballten Zynsimus.

Sätze wie "Unsere Zeit schmeckt nicht nach Zuckerwatte" sind zudem schlichtweg Blödsinn, nicht minder bizarr als Ulli Wickerts Hinweis "Das will auch niemand behaupten". Als öffentlich-rechtlicher Journalist sollte der Mann sich streng genommen nicht für einen Kommentar zu etwas hergeben, das "niemand behaupten" will. Der eine oder andere Betrachter könnte - nicht zum ersten Mal - versucht sein, an der Integrität des "Mr. Tagesthemen" zu zweifeln.

Aus der Kampagne "Du bist Deutschland"

"Dein Wille ist wie Feuer unterm Hintern. Er läßt deinen Lieblingsstürmer schneller laufen und Schumi schneller fahren. Egal, wo du arbeitest. Egal, welche Position du hast. Du hältst den Laden zusammen. Du bist der Laden. Du bist Deutschland."

Gänzlich unzweifelhaft ist etwas anderes. Man sollte sich in Deutschland vor dem Spiel mit Metaphern hüten, die hohe Windgeschwindigkeiten zum Gegenstand haben.

Der Sportpalast im Kopf

"Genau so, wie sich ein Lufthauch zu einen Sturm entwickelt, kann deine Tat wirken", heißt es in dem Spot. Das erinnert - übrigens auch im Vortrag, denn der erste Teil des Satzes wird beinahe herausgeschrieen - an den Reichspropagandapsychopathen Joseph Goebbels, der am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast fragte, ob der totale Krieg gewünscht sei, und - als das Publikum dies johlend bejahte - rief: "Nun, Volk, steh auf, und Sturm brich los!"

Auch das "Du bist Deutschland" hat es in ähnlicher Form schon einmal gegeben, zu eben jener Zeit, in der man "Deutschland" nicht einmal sagen mußte, denn für die Nationalsozialisten Deutschlandexistierte nichts anderes, und für dich und mich hatte nichts anderes zu existieren. Indem er solche Assoziationen auslöst, scheint der Spot sich in gefährlicher Nähe zu jenem Gedankensud zu bewegen, den man ehedem als "völkisch" bezeichnete. Wird hier nicht mit modernen Mitteln ein uralter nationaler Geist beschworen, der - sofern entsprechend erregt - mehr als nur Bäume zu entwurzeln vermag, der als Glaube mehr versetzt als lediglich den einen oder anderen Problemberg?

Derartige Vorwürfe würden die Macher der Kampagne empört zurückweisen. Einer von ihnen, ein bärtiger Jüngling mit dem unseligen Hang, nach jedem dritten Wort den Dehnungslaut "ähhhhh" einzufügen, erläuterte unlängst in der Berliner Runde des Ereigniskanals Phoenix, es gehe darum, "wieder, ääähhhhh, mehr Zuversicht" zu schaffen, vom DuEndkampf gegen die Rote Arme war nicht die Rede.

Teurer Unfug

So mag der Unfug nicht böswillig sein - teuer ist er allemal. 30 Millionen Euro soll das, was Ernst Corinth eine "Erweckungskampagne" nennt, die fünfundzwanzig Medienunternehmen gekostet haben, die sie finanzieren. Wenn jeder Zuschauer, der sich durch das Ergebnis beleidigt fühlt, auf Schmerzensgeld klagen würde, beliefe sich die Rechnung vermutlich auf ein Vielfaches. Natürlich wird niemand klagen, denn jeder von uns ist Deutschland - und wer erstattet schon Selbstanzeige?

Eines freilich steht fest. Wer auch immer die Idee zu der Kampagne hatte, muß sich sagen lassen: Du bist weder Flügel noch Baum, weder Windstoß noch Taifun, und schon gar nicht bist du Deutschland.

Sehr viel wahrscheinlicher ist: du bist Klapsmühle.


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